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geschenke. texte. wie auch immer. altes zeug. und neues zeug. und alles nur von mir verfasst.


Kornblumenblau, Mohnrot und Sonnengelb

Meine Farben-Lena, hatte ihr Vater sie immer liebevoll genannt. Du bist meine Farben-Lena.
Ihre Mutter hatte sie gar nicht genannt.
Die war schließlich mit ihrem goldgelben Heißluftballon in königsblauen Höhen irgendwo über dem wildroten Mount Everest.
Wann schreibt sie mir eine moosgrün leuchtende Postkarte?, hatte Lena oft gefragt.
Und ihr Vater hatte geseufzt und gesagt: Das geht doch nicht. Sie ist in einem Heißluftballon. Da kann man doch keine Postkarten verschicken. Und dass Luftpost ebenfalls nicht ginge, hatte Lena auch recht schnell begriffen. Ist doch klar, da kommt ja kein Postbote hin.
Genau, hatte der Vater gesagt.
Aber weißt du was? Vielleicht hat sie über dem Meer eine Flaschenpost heruntergeworfen. Und irgendwann findet sie dich dann, diese Flaschenpost. Ganz bestimmt. Irgendwann.
Aber wann kommt sie denn wieder, meine Mama?
Weißt du, so eine Heißluftballonreise dauert lange, hatte er gesagt. Lange, lange. Wenn sie wiederkommt, schläfst du bestimmt schon. So, komm jetzt. Schlaf.
Diese unbefriedigende Antwort hatte Lena nie ganz verstanden. Doch sie fragte nicht weiter, sondern schlüpfte unter die Bettdecke um auf ihre violetten Träume zu warten.
Lena erzählte jedem, der es hören wollte – und es wollte eigentlich jeder hören – , dass ihre
Lieblingsfarbe Grünblaurotgelborangelilapinkrosatürkis war. Und jeder, der es hörte, lachte und sah etwas verwirrt zu ihrem Vater hoch, der dann immer zwinkerte und sagte: Sie ist meine Farben-Lena. Als ob das als Erklärung ausreichte.
Sobald sie gelernt hatte, was Rot und Blau war, wollte sie auch wissen, was Apricot, Zimtfarben und Zinnoberrot war. Alles hatte eine Farbe. Das Leben war eine einzige Farbe.
Und es würde für sie immer eine Farbe bleiben.
Lena wurde größer, die Farben veränderten sich und doch hörten sie nie auf Farben zu sein.
Sie fotografierte sie oft, ihre Farben. Und sie malte sie gerne. Keine Gegenstände, Farben. Einfach nur Farben.
Doch irgendwann fingen die Leute an zu reden.
Diese Lena, die ist ja eine Komische. Diese Lena, die sieht Farben, überall, sagten manche Menschen und sagten es so, dass Lena es hören konnte. Sie sagt, ihre Gedanken sind manchmal kornblumenblau. Diese Lena, die ist genauso verrückt, wie ihre Mutter damals. Und man weiß ja, wohin sie das geführt hat.
Und dann sahen sie sich an, wissend, vielsagend, und nickten sich zu. Ja, so einfach war das.
Und Lena wurde stiller. Und farbloser.
Sie verstand sie nicht, diese Menschen. Diese Menschen, die mit ihr gelacht hatten, als sie noch ein Kind gewesen war und jetzt auf einmal über sie lachten. Und natürlich redeten. Und sich zunickten. Freunde hatte sie keine, noch nie gehabt. Denn die anderen interessierten sich nicht für Farben, sondern für normale Dinge.
Und wenn sie im Unterricht den Fehler beging und nebenbei erwähnte, dass sie sich gerade sonnengelb fühlte, lachten sie alle. Lachten sie aus. Und gingen in Gedanken wieder zu ihren Motorrädern und neuen Kleidern. Also sagte sie nichts mehr.
Kleine Lena, kleine Farben-Lena, warum siehst du keine Farben mehr?, fragte der Vater oft mit einem traurigen, meeresgrünen Gesichtsausdruck.
Und sie sah ihn an, mit blauschwarzen Gedanken und konnte ihm nicht sagen, dass sie die Farben ja noch sah, nur nicht mehr sehen wollte. Sie sind eben weg, sagte sie. Einfach weg.
Und dann ging Lena hinaus. Hinaus in die grauschwarze Welt, von der sie sich nicht verstanden fühlte. Sie konnte ihrem Vater nicht mehr in die Augen schauen.
Neulich noch hatte er ihr zwei Farbeimer geschenkt. Klatschmohnrot und Goldgelb. Und er hatte gesagt: Meine Lieblingsfarbe ist rotgelb.
Und erwartet, dass sie antwortete: Meine Lieblingsfarbe ist Grünblaurotgelborangelilapinkrosatürkis.
Sie hatte nichts erwidert.
Jetzt war sie draußen und lief die dunkelgrauen Straßen entlang. Der Himmel war heute anthrazitfarben. Und am Horizont flog ein Heißluftballon.
Hallo Mama, sagte Lena leise. Hallo, hallo. Ich glaube, ich möchte auch eine Heißluftballonfahrt über dem Mount Everest machen. Und diese Fahrt soll golden sein.
Sehnsüchtig blickte sie den Ballon an und stellte sich vor, es wären viele farbenfrohe Menschen darin. Und diese Menschen blickten nach vorne auf eine zitronengelbe und wellenblaue Landschaft. Und zurück auf eine nachtblaue Welt. Weit oben am Himmel, weg von hier.
Und sie lief, lief nach oben. Einen Berg hinauf und wusste nicht wohin.
Dann sah sie ein Hochhaus, so hoch, dass ihr schwindelig wurde. Und plötzlich kannte sie ihren Weg. Sie beachtete die Stufen nicht, obwohl es mindestens hundert sein mussten.
Ihr Herz raste, das Blut klopfte in ihrem Kopf, sie fiel zweimal hin. Aber das war nicht wichtig.
Als es endlich nicht mehr weiter nach oben ging, fiel sie auf die Knie. Und atmete schnell, so schnell. Ein paar Augenblicke lang konnte sie sich kaum bewegen.
Lena wartete, bis es besser ging und stand dann wieder auf. Sie öffnete die Tür direkt vor sich und ging hinaus. Hinaus auf das Dach des Hochhauses.
Der Kies knirschte unter ihren Füßen und sie suchte den Himmel nach dem Heißluftballon ab. Da, da war er. Und Lena setzte sich hin und starrte ihn an.
Sie würde gerne zaubern können, ihren Zauberstab ziehen und sich weg von alldem wünschen. Weg von der Welt. Am besten zu dem Heißluftballon. In den Himmel.
Plötzlich hörte sie hinter sich ein Knarren. Erschrocken drehte sie sich um.
Ein Mann stand dort, mit einem ungepflegten Bart und verwaschener Jeans. Ein kariertes Hemd hatte er darüber an und seine Hände hielten eine Leinwand. Was machst du denn hier?, fragte er abweisend. Er betonte das du.
Nichts, antwortete Lena.
Er verzog das Gesicht, sodass lauter kleine Falten erschienen.
Könntest du bitte verschwinden? Ich muss arbeiten, sagte er etwas mürrisch und stellte seine Leinwand auf. So vorsichtig, als wäre sie aus Glas. Aus einer Umhängetasche holte er eine Farbpalette heraus. Ein kleines Fläschchen mit Wasser. Und mehrere Pinsel.
Lena starrte ihn an. Ein Maler. Ein Farbenmacher.
Hast du mich nicht verstanden? Warum bist du noch hier?
Ich - ich muss doch, stotterte sie und sah hinauf zu dem Heißluftballon, der immer noch in Sichtweite war.
Er folgte ihrem Blick. Du willst Heißluftballon fahren?, fragte er zweifelnd und seine Augenbrauen begegneten sich in der Mitte.
Ich – nein – doch, vielleicht schon, flüsterte sie. In zitronengelbe Länder. Und über königsblaue Meere.
Zitronengelbe Länder?, fragte er verwundert. Du magst wohl Farben, was?
Lena umschloss ihre Knie mit den Armen. Nein, sagte sie. Nein, ich mag keine Farben.
Sein Blick war bohrend, er sah durch sie hindurch. Warum?, fragte er.
Als ob das so einfach zu erklären wäre. Als ob man einfach Warum fragen konnte. Sie antwortete nicht.
Ich mag Farben, sagte er. Meine Welt ist bestimmt von Farben.
Warum?, wiederholte sie seine Frage spöttisch.
Er lächelte. Weil sie meine Gefühle einfach besser als Worte ausdrücken können.
Zweifelnd blickte sie ihn an. Aber, sagte sie, wenn man sich nicht gut fühlt. Dann helfen sie doch auch nicht mehr, die Farben.
Er lachte. Aber dafür können sie doch nichts. Die Farben haben nichts damit zu tun, dass man sich nicht gut fühlt, sagte er. Farben verbessern und verschlechtern nichts, Farben helfen zu erklären.
Aber – Lena sprach nicht weiter. Wusste eigentlich nichts mehr zu erwidern.
Nachtblau ist auch eine Farbe, sagte er und rührte mit seinem Pinsel auf der Farbpalette. Dann malte er einen nachtblauen Strich mitten auf das Papier.
Lena war verwirrt. Sie stand auf, sagte, Ich gehe dann jetzt, und ging. Tschüss, hörte sie noch seine zimtfarbene Stimme und stieg langsam die endlosen Treppenstufen wieder hinab. Draußen auf der Straße, blickte sie auf zu dem hellblauen Himmel und suchte ihn nach dem Ballon ab. Er war nirgends zu entdecken. Und während die orangerote Sonne, die schon den ganzen Tag gestrahlt hatte, unterging, überlegte Lena sich, dass Heißluftballons vielleicht doch keine gute Art waren zu reisen.
Zuviel himmelblau.

♥♥♥♥♥♥

Narben

„Jetzt komm schon, steig ins Auto!“, höre ich seine rauchige Stimme hinter mir. Doch ich bleibe, wo ich bin.
Und schließe die Augen und atme dreimal tief durch. Und kratze über meine Narbe im Nacken, direkt am Haaransatz.
Und drehe mich um. Steige ins Auto.
Und sage: „Wir können losfahren.“
„Was hast du solange dort gemacht?“, fragt er mich mit seiner Zigarren-Stimme.
Und sein Leberfleck oberhalb der rechten Armbeuge tanzt mit seinen Muskeln auf und ab.
„Geatmet“, antworte ich.
Er lacht. Und sagt: „Ja, ja.“
Und fährt los.
Und wir überholen den schwarzen Vogel, der neben uns herfliegt.

Es fing an, als ich geboren wurde.
Oder vielleicht fing es auch an, als mein Vater meiner Mutter einen Plastikring schenkte.
Oder auch als meine Urgroßmutter für neun Monate ihre Unterhose nicht mehr einmal monatlich mit Watte füllen musste.
Jedenfalls war die Einleitung vorbei, als meine Mutter erzählte, dass es bei meiner Geburt geregnet und bei der Geburt meiner Schwester die Sonne geschienen hatte.
Und als meine Schwester daraufhin gelacht hat. Und eigentlich sagen wollte: „Nimm dir ein Beispiel.“
So wie sie es immer sagte.
An diesem Abend war es kalt, ein kalter Herbstabend.
Und in mir loderte ein Feuer auf, ein nicht mehr zu stillendes Feuer.
Ein Hass-Feuer.
Und ein Liebes-Feuer.
Denn Hass existiert nicht ohne Liebe.
Und dieses Feuer erlosch mit einem einzigen Schlag. Jahre später.

„Woran denkst du?“, fragt er mich.
Und ich schließe für einen kurzen Moment die Augen. Frage mich selbst, woran ich denke. Und warum ich seine raue Stimme so mag.
„Ich denke an Anfänge, Enden und den Zeiten dazwischen.“
Er lächelt. Ich kann es fühlen. Ich kann es sehen, ohne ihn anzuschauen.
Er lächelt und sagt: „Ach so.“
Und dann: „Erzählst du mir irgendwann, warum wir diese Fahrt überhaupt gemacht haben?“
Jetzt lächle ich. Denn er hat zugestimmt, ohne etwas zu fragen. Hat eine Reise auf sich genommen, um nach etwa einer Stunde wieder umzukehren. Ohne nach dem Grund zu fragen. Hat sich verfahren, stand im Stau. Und keine einzige Frage kam über seine Lippen.
Und jetzt fahren wir wieder nach Hause. Und jetzt fragt er.
„Irgendwann. Wenn wir beide genug Zeit für eine sehr lange und sehr komplizierte Geschichte haben“, sage ich und ziehe meine Beine an.
Ich schlinge meine Arme darum.
Mir ist plötzlich kalt geworden.
„Hm“, sagt er, „also ich für meinen Teil fahre jetzt noch etwa vier Stunden und habe dabei nichts zu tun. Wie sieht es mit dir aus?“
Seine Grübchen in den Wangen vertiefen sich.
Und er trommelt mit der linken Handfläche ein paar Mal leicht auf das Lenkrad.
Ich mag seine Witze manchmal. Und manchmal mag ich sie nicht.
Und trotzdem grinse ich. Und sehe ihn dabei an.
„Wir haben meine Schwester besucht“, sage ich schließlich. Und das Grinsen fällt weg. Seins auch.
„Wieso jetzt?“, fragt er. Und sieht mich für ein paar Sekunden an.
Dann wendet er gezwungenermaßen seine Augen wieder der Straße vor ihm zu.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht weil ich einen Strich ziehen musste. Endlich. Vielleicht weil es mich nie loslässt. Vielleicht weil ich das einfach gerade brauchte.“
Ich halte meine Beine noch stärker fest, als würde im nächsten Moment jemand kommen und sie mir entreißen. Ich brauche meine Beine noch.
„Und hast du jetzt diesen Strich gezogen? Hast du bekommen, was du brauchtest?“, fragt er.
Und ich weiß keine Antwort. Sage deshalb auch nichts.
Irgendwann fange ich an zu erzählen.
„Sie war zwei Jahre älter als ich.
Sie hatte langes, schwarzes Haar. Locken. Und sie wickelte immer eine Strähne davon um ihren Finger. Und genau wie ihre Strähne wickelte sie auch Menschen um den Finger.“
Ich erwarte, dass er lacht. Weil er doch oft lacht. Und gerne lacht.
Er schaut ernst auf die Fahrbahn.
Ich mag auch sein Schweigen.

Ja, sie wickelte Menschen um ihren Finger. Das konnte sie, darin war sie hervorragend.
Ich war nie etwas Besonderes. Immer normal.
Meine Haare waren blassblond, nicht ausdrucksvoll schwarz. Und meine Schultern waren immer ein wenig hochgezogen. Ich ging nie aufrecht, wie sie.
Die Menschen kamen zu ihr, wollten sie kennen.
Nur ein paar nicht. Diese wenigen Menschen gehörten zu mir, mochten mich.
Bis die Finger kamen, die alles umwickelten.

„Als Kinder hatten wir immer diesen Satz. Diesen Satz, der jedem zeigen konnte, dass wir zusammengehörten. Zusammenhielten ...“
Er runzelt die Stirn.
„Ich dachte immer, ihr mochtet euch nicht.“
Es klingt ein wenig wie eine Frage. Aber nur ein wenig.
Ich werde wütend. Jetzt muss ich mich rechtfertigen.
„Bei Schwestern geht es nicht um ‚mögen’“, sage ich.
„Worum dann?“
Ich schnaufe. Und kneife meinen Mund zusammen.
„Um Stärke. Und Zusammenhalt.“
Er schweigt.
Ich weiß, dass er nicht überzeugt ist. Dass er nicht versteht.
Aber das ist mir egal.
Ich schweige auch.

Sie sah mich an, die schwarzen Haare wild abstehend.
„Lass uns schwören“, sagte sie.
„Warum? Was denn?“ fragte ich. Und merkte im gleichen Augenblick, wie dumm diese Fragen waren.
Giftig verengte sie ihre Augen, sodass nur noch die Hälfte der Pupillen zu sehen war.
„Damit so etwas wie heute nie wieder passiert.“
Ihre Stimme klang so gefährlich. Und ich hielt den Mund.
Nickte nur kurz, als Zeichen des Verständnisses.
Sie war so sauer auf mich gewesen. Ich hatte sie verraten. Und es noch nicht einmal selbst bemerkt.
Sie hatte Pflaumen geklaut. Und mich hatte sie zum Schmierestehen verurteilt.
Und ich hatte so dagestanden, geschaut.
Langeweile hatte mich übermannt. Und dann war Jonas vorbeigekommen, hatte mich gefragt, was ich da machte.
Ich hatte es ihm nicht erzählt, war nur mitgegangen. Er hatte mich gelockt.
„Am Bach sind Frösche. Und Sven hat ein paar eingefangen.
Und Valerie hat Murmeln mitgebracht.“
Ich hatte sie im Stich gelassen. Sie war erwischt und von unseren Eltern bestraft worden.
Und ich hatte es erst bemerkt, als ich abends nach Hause gekommen war.
Der erste Bruch.

„Wie war denn dieser Satz eigentlich?“, fragt er nach langer Stille.
„Wenn du stirbst, sterbe ich auch. Und wenn ich sterbe, stirbst auch du.“
Er lacht. Und sagt: „Ja, ja. Das hatten wir als Kinder auch immer. Und hatten immer fest daran geglaubt. So ein Schwachsinn.“
Und lacht weiter.
Ich lache nicht.
Und verabscheue ihn plötzlich für dieses Lachen.
Er versteht nicht. Niemand versteht.
Wenn er nicht lachen würde, würde ich ihm jetzt erzählen, dass ich irgendwann gestorben war und sie nicht mit mir. Doch auch das würde er nicht verstehen.

„Warum hat er das gemacht?“, fragte ich sie. Und Tränen der Verzweiflung rannten über meine Wangen.
Sie sah mich mit harten Augen an.
„Weil Jungen böse sind. Das solltest du langsam verstehen“, sagte ihr Mund.
Und ihre Augen sagten: „Stütz dich auf mich, nicht auf andere. Dann bist du auf der sicheren Seite.“
Ich hasste sie in dem Moment.
Ich hatte diesen Jungen so geliebt. Anfangs hatte er mich auf Händen getragen.
Und jetzt war er weg. Einfach so.
Vielleicht waren auch schwarz umwickelte Finger im Spiel gewesen. Ich bekam es nie heraus.
Ich zerbrach und starb.
„Sei nicht immer so schwach“, sagte sie. Und Abscheu schwang in ihrer Stimme mit.
Sie zog die weiße Decke über mich. Und stopfte sie an den Seiten fest.
Und löschte das Licht.
Ihre weiße Haut leuchtete, als sie sagte: „Schlaf. Und vergiss alle Jungen und Männer dieser Welt.“
Und während meine Tränen weiter flossen, fragte ich mich, warum die Farbe Weiß immer mit Unschuld in Verbindung gebracht wurde.
Weiß war gefährlich. Und scheinheilig.

„Erzählst du mir jetzt die lange und komplizierte Geschichte?“ fragt er und zündet sich dabei eine Zigarre an.
Wir parken auf einem abgelegenen Waldweg. Ich knabbere an einem Müsliriegel, der mir nicht schmeckt.
Ich drehe mich zu ihm.
„Warum willst du das überhaupt wissen?“
Er lacht auf.
„Weil ich an deinem Leben teilhaben will.“
Auch das klingt wie eine Frage.
Ich werfe den Riegel in ein Gebüsch. Und setze mich ins Auto.
Kurze Zeit später setzt er sich ebenfalls.
„Warum liegt sie jetzt da? Was hast du für ein Geheimnis? Und woher stammt die Narbe in deinem Nacken?“
Seine Stimme ist plötzlich sanft.
Ich erschrecke trotzdem. Er hat meine Narbe entdeckt.
„Die Narbe ist von ihr“, sage ich. Und versuche das Zittern meines Körpers zu unterdrücken.
„Was hat sie getan?“, fragt er.
„Das kann ich dir nicht sagen.“
Ich flüstere. Ohne, dass ich es will.

Ich saß am Rande eines Sees. Des Sees direkt in dem Wald vor unserem Haus.
Und das grünliche Wasser plätscherte leicht.
Sie stand hinter mir. Hatte sich angeschlichen. Dabei wollte ich doch alleine sein.
„Warum tust du das?“ fragte sie.
Und eigentlich wollte sie fragen: „Warum tust du mir das an?“
Das Messer in meiner Hand wackelte hin und her.
„Ich kann nicht mehr.“
Sie schnaufte.
„Du bist viel zu schwach, kleine Schwester.“
Die Klinge näherte sich meinem Handgelenk.
Und die Tränen liefen ununterbrochen.
„Weißt du noch? Wenn du stirbst, sterbe ich auch?
Du willst doch nicht meinen Tod auf dem Gewissen haben.“
Ihre Worte klangen so hart. Und herausfordernd.
Ich zögerte nicht. Mein Entschluss stand fest. Es gab kein Zurück mehr.
„Du willst mich doch nur davon abhalten, weil du dann alleine wärst. Aber so funktioniert das nicht. Du glaubst gar nicht, wie oft ich alleine war. Obwohl du neben mir standest.“
Sie brach. Man konnte es sehen. Ihr Rückgrat bog sich, als könne es die Last nicht mehr tragen. Als könne es sie nicht mehr tragen.
Ein paar Sekunden später hatte sie sich wieder gefangen. Und sah mich an. Abweisend.
Und plötzlich, mit einer schnellen und aggressiven Bewegung griff sie nach dem Messer.
Wir kämpften darum. Meine Hand gegen ihre Hand. Ihre gegen meine.
Und dann lief Blut.
So viel Blut von meinem Nacken.
Und meine Haare verklebten, meine Kleider bekamen Flecken.
Und ich sank auf den Boden. Und sah zu ihr hoch.
Sie starrte mich an, das Messer in der Hand.
Und flüsterte: „Du bist die Schwächere von uns beiden. Ich habe gewonnen.“
Und ich verlor mein Bewusstsein.

„Ich bin daran schuld, dass sie jetzt dort liegt.“
Mein Hals ist trocken.
„Glaubst du nicht, du bildest dir das ein wenig ein?“
Ich schlucke.
„Du hast keine Ahnung. Keine“, sage ich. Und meine es ernst.
„Dann erzähle es mir doch, verdammt noch mal. Du sagst immer, ich hätte keine Ahnung, würde nichts verstehen. Aber wie kann ich das denn, wenn du mir nie etwas erzählst?“
Er ist wütend. Und der Leberfleck oberhalb der rechten Armbeuge tanzt nicht mehr lustig, sondern bedrohlich.
Und mein Puls rast. Der Wagen genauso.
Plötzlich bremst er abrupt ab. Und fährt an den Straßenrand.
„Los. Jetzt rede endlich!“, sagt er.
Und sieht mich an. Lässt mich nicht aus den Augen.
Sein Blick ist bittend.
„Ich wollte ihr einmal beweisen, dass ich die Stärkere bin“, sage ich.
Und eigentlich bin nicht ich es, die spricht.
„Ich war 18 Jahre alt. Sie 20. Und man könnte meinen, wir wären aus dem Alter heraus gewesen, in dem man sich bekämpft. In dem man eifersüchtig auf den jeweils anderen ist.
Aber das war es auch nicht. Ich war nie eifersüchtig. Nur wütend. Und schwach.“
Und er nickt. Und vielleicht versteht er jetzt doch.

Die rote Hose stand ihr gut. Und die weiße, lockere Bluse darüber auch.
Die schwarzen Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Ich hatte sie lange nicht gesehen. Zwei Monate. Wir umarmten uns.
„Hallo, kleine Schwester“, sagte sie und lächelte mich an.
„Warum bist du wieder hier?“, fragte ich.
„Ich habe dich vermisst. Darum bin ich wieder hier.“
Und sie zeigte mit einer Hand auf die großen Taschen, die in der Tür standen, während sie mit den Fingern der anderen Hand Haare umwickeln ließ. Mein Lächeln erstarrte.
Sie war wieder da. Sie wollte wieder hier bleiben.
Für immer.
Dabei war ich sie doch gerade erst losgeworden.
„Freust du dich nicht?“, fragte sie.
„Doch.“
Ich log. Aber man konnte sie nicht anlügen.
„Auch wenn es dir nicht gefällt. Ich bin wieder hier. Wir sind zwei Hälften einer Medaille. Wir können nicht getrennt sein.“
Sie grinste mich an. Als hätte sie einen guten Scherz gemacht. Doch ihre Augen meinten alles ernst.
Ich kochte. Innerlich. Das Feuer loderte.
„Hilfst du mir, die Taschen hoch zutragen?“
Ich nickte. Und griff nach einer Lasche. Stieg als Erste die Treppe hinauf.
Sie kam nach. Mit dem weiteren Gepäck.
„Wollen wir morgen zusammen an den See gehen? Schwimmen? Oder etwas anderes machen?“
Und dabei lachte sie. Als wäre der See nur ein Ort gewesen, an dem man viel Spaß haben konnte. Nur ein Spielplatz.
Wie wahnsinnig lachte ich mit. Und drehte mich um.
Und warf die Tasche die Treppe herunter. Sie schrie nicht.
Und ich begann erst zu begreifen, als sie schon am Fuße der Treppe lag und sich nicht mehr regte.
Zwei Taschen über ihr.
Das Feuer erlosch.
Und ich fing wieder an zu lachen. Denn die Bluse blieb weiß. Wurde nicht rot.
Und weiß ist doch viel gefährlicher als rot.

Nachdem ich geendet habe, nimmt er meine Hand in seine.
Und ich bemerke jetzt erst, dass ich die ganze Zeit über geweint habe.
„Es war nur ein Unfall“, sagt er und streichelt über meine Finger.
Ich denke kurz daran, dass ich diesen Satz schon viel zu oft gehört habe.
„Nein, das war es nicht. Ich wollte sie umbringen.“
„Aber das hast du nicht.“
Ich schüttele den Kopf.
„Nein, das habe ich wohl nicht.“
Wir schweigen.
„Sie nimmt nichts mehr wahr, weißt du. Da ist irgendetwas in ihrem Gehirn kaputt gegangen. Und jetzt ist sie wie ein Kleinkind. Sie kann nicht mehr alleine auf die Toilette gehen. Geschweige denn jemanden erkennen.“
Er sieht mich an. Kramt kurz in einer seiner Taschen und reicht mir ein Taschentuch.
„Warum warst du nicht bei ihr drin? Warum standest du nur eine Stunde lang vor der Tür des Heimes?“ fragt er.
Ich zucke mit den Schultern.
„Sie hätte mich doch sowieso nicht erkannt.“
Und wir fahren weiter. Nach Hause.
Und das Schlimmste kann ich ihm nicht sagen.
Nämlich, wie erleichtert ich war, als die Ärzte sagten, die Chance, dass sie wieder normal würde, läge bei etwa dreißig Prozent.
Und dass meine Tränen auch nur zu dreißig Prozent aus Schuld bestanden.
Und dass es sich gut anfühlt, die Stärkere zu sein.

(Juni 2004)

♥♥♥♥♥♥♥

How do you pronounce...?

“Do you believe in fairies?”, I heard a voice from my left.
“What?”
“Have you ever been speechless, boy?”, she whispered in my ear, instead of repeating her first question. I could hardly breathe, there was no air, no air at all. How would she know? How could she?
“Oh, I understand”, she said, as I did not respond, “oh, I understand, my little dear boy.”
Well, she might have understood it, I did not.
My eyes were closed. Because I did not need them. I did not need them to feel her fingers, right above my forehead. I did not need them to hear her slight breathing, to smell the flavour of her vanilla perfume. Did not need them to taste the odd smack of remembering. To see her eyes, that lay pitiful on me.
She was an old lady, you could really say: very old. At least for some ten-year-old, but that may be, because everyone is old in the view of a ten-year-old. Well, she was very old indeed, I suppose somewhere around her seventies.
Her eyes were blue, a sharp blue, as if they were looking straight through you. Maybe, they were, sometimes.
Her skin was wrinkled, as if someone has cut thousands of little cuts into it. It scared me a bit, being a child, that has never got to know his grandparents of either side. I had rarely seen any old person, except Mr. Miller from that neighbouring house, who had never seemed to realise, if I was myself, my father or my non-existent brother Jack (I never knew a Jack, but apparently Mr. Miller did).
So it came to a big surprise that she seemed to know me and, besides, seemed to understand me. For I have learned enough of life to catch that no adult would ever understand children, let alone me.
So how did she do it? How could she know something about the times I wanted to forget and about the time, nobody spoke anymore.
“Well”, I said finally, ”I’m no more speechless now, so… I must get on my bus, you know, thanks for the… er, advice. And, well… bye.”
‘What advice?’, I asked myself at the same time, but it was too late anyway, so I smiled at her and stood up.
She smiled, too, but took my arm with her hand.
“No, don’t go”, she said in a way I could not resist. Why did old people have to be so…smart, I thought, but that’s not the right word. Smart and cute together will maybe stand the request.
“OK”, I sighed and took place again, on that cold park bench in that very cold park, which was placed in the middle of that very cold city. And that very cold snow was falling from the sky, as though nothing could ever be bad in that white world.
I quite loved winter, but momentarily it did not help to feel any better. In fact, I felt miserable. And I did not quite know why. Was it because she knew? Or was it because I, myself, had already forgotten?
She smiled wisely and folded her fingers in a way every child should fold its fingers at night to pray to god. Well, I knew that from some films, I never prayed to god, nor did my parents. Once I slept at my best friend’s house and his mother prayed with both of us and it was really embarrassing, because I didn’t know what to do or to think and, well, it was a whole mess actually.
But in the end everything was peaceful and it was the first time I wished, my mother would believe in god. And would bring me to bed, show me to fold my fingers in the right way and speak to that great divine power without any embarrassing thoughts, put the cover over my body, darn it closely around me and say ‘good night’ with a smile, then turn the lights off and… well, that has always been a daydream, which could never ever turn into reality. And, anyway, I was not the child you could do something like that with.
Yeah, well, but this lady folded her fingers, smiled and said to me: “I know, son. You are some speechless child, I know. I was one in my younger days myself.”
I was stunned. My thoughts stopped, my blood stopped and it was as though my heart had stopped beating.
The strangest thing about it was how proudly she said it. And she looked at me with a triumphant glimmer in her eyes, as if she had just sorted out some dodgy, little riddle about herself. Well, maybe she had, I did not know anything that was going on in the mind of some old woman.
“So, boy, tell me: where did you find your words at last?”, she asked, suddenly, with a curios look on her face.
I said nothing. I could not explain something I did not understand either. So I did not answer, no matter how impolite it was. But then, adults seemed to be able to take impoliteness from any word of yours, damn about how you really meant it.
And I thought to myself that she wouldn’t care about being impolite anyway, because she had been the one, who had spoken to me and held me back, although I had to go to the bus stop and so on. No matter, that this had been an excuse, for she wouldn’t know that. Hopefully.
And well, speaking about impoliteness, I never told her my name, nor did she tell me hers. It occurred to me that she was a complete stranger. And everyone in school used to say: ‘You, child, don’t you speak with foreigners, they might give you sweets in this moment or the next, you will be dragged into the car and never see your parents again. So stay away from foreigners, child.’
Yes, they had definitely said that and I had definitely learned something from school.
Her brows met in the middle of her face and would it not have been such a polite and serious chat, I would have laughed at it. It was very funny, indeed. I have never seen a person before whose eyebrows could meet.
She still smiled and looked at me inquiringly, so I finally said, thinking about foreigners and lessons in school: “Well, my name is Peter, how about yours?”
If I had not seen it, I would not have believed that her smile could even get wider.
“Oh”, she said. And again: “Oh”
It was like an evening with my best friend and his mother, praying to god together – I did not know what to do, when someone said “Oh”, as if she had never heard the name of Peter.
“It’s like Peter Pan, do you know Peter Pan?”, she asked, her eyes glowing ecstatically.
“Er, sorry?”, I mumbled, my ears beginning to blush. Who the hell was Peter Pan?
“Oh, no. Boy, you should know about Peter Pan. He is the king of speechless children, the king of lost children. You got to know him. Oh really!”
It was then of all times I wished I could have had an invisible mirror hovering in front of my face enabling me to watch my own eyebrows, for I had the feeling of my brows moving closer and closer together and finally touching in the middle of my forehead, just like hers did.
“Well”, I said, watching closely the dreamy expression in her face as if I could see myself in it, “Well, I do not know any Peter except myself.”
Suddenly, her smile vanished and I asked myself, if I had said something wrong, but I came to no result, because she already went on: “It’s all right, son. But, tell me, who helped you out?”
I must have looked helplessly, because she smiled again (I hated that smile of hers already, really) and patted me on the shoulder.
“Go on, boy”, she said and I closed my eyes for a while.
There were no answers in my mind, only questions. It was like expecting a friendly wind in the face and getting a hurricane right above your head, messing up your hair, your thoughts and most of all your mind working so fast.
“Hm”, I said slowly, hoping someone would come, give me sweets and drag me into his car, “my parents helped me.”
“Oh, did they?”, she asked sceptically and curled her lip a bit. There was an uncomfortable silence between us for a few minutes. Then she said: “Do you want me to tell you my own story?”
I had not expected this, but it meant, I was supposed not to speak anymore, for she would. I had something like a lump in my throat, anyway. So I just managed a nod.
She cleared her throat and suddenly looked so sadly that I quite forgot my own worries and felt pity. Pity for that woman who was maybe still a speechless child in her heart. Not like me, obviously. I was healed.
“I was 5, when I stopped speaking”, she began und leant back on the park bench while pounding her own fingers.
“In those times, they used to call it mutism. They said I had to speak and tell the problem, but there were no words for that incomprehensible pain inside me, so I said nothing. After a while, they said if I refused to speak, they would put me into hospital. They put me under pressure, not knowing that I was used to pressure. My parents would beat me, boy. And you complain about something like this until you are tired of explaining and telling and repeating. And I was tired of it. I was tired of speaking. I didn’t want to tell anymore, I didn’t want to stand it. My speechless years were years of resistance actually.”
She paused, smiling again, sadly.
The lump in my throat was unbearably huge.
“Why did you begin to speak again?”, I whispered, rubbing my cold arms. I did not know anymore, whether they were cold because of the snow or because of the deadness inside me.
“Because I met a boy like you and he was the only one who understood me without words. But after some time, he wanted me to speak again. So I spoke. It was a matter of fairness, I owed him something. So I did it.”
“What did he do for you that you owed him something?”, I asked.
“He appreciated me and did not talk about me, like the others. This was reason enough. I was 7 years old.”
She sighed. I was watching her fingers running through the snow to her left, scooping up some of it, letting it fall down and running through it again.
So I told her.
“I realised some time ago that my parents wouldn’t recognise me anyway, even if I refused to eat, to talk and to think. I realised that my dumbness led to nothing. So I spoke again. Sanity came back to me, I guess”, I said , though my voice seemed to come from far away. I had never spoken about it before.
It appeared not right to me, I did not know why. I felt myself shiver.
I stood up fast, which was causing a pain in my head. But I did not bother. I had to get away, had to run away, only run, run, run.
“You will ever be a speechless child”, she said woefully, shortly before I set off to sprint.
“I am one, and you just as well. Take it as a help to get out of terrible situations, not as a bad situation itself.”
I turned. Looking at her directly. She only nodded to me, took her white shopping bag and waved it. Then she said: “Bye, son. And don’t complain. It is a gift, you know? A gift. A real gift. And please, do me a favour and read Peter Pan. It’s a shame, you don’t know about him. You really should.”
Therewith she turned and went away, her shoulders still seeming to carry a heavy burden.
I stood there for at least ten minutes, watching her go away, watching birds flying in the broad sky, watching passengers who stared at me strangely. Then I went, too, and, after a few steps, broke into a run. And now I am sure, the pearls of water running down my cheeks, were no drops of sweat.
I finally did read Peter Pan. And I liked it. And Neverland will ever be my favourite place in the world, for I spend so much time there.
I did never see her again, and she had never told me her name.
I do believe in fairies, though.




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